2025 Thomas Mießgang

Die Kunst von Sabine Aichhorn zwischen Öl und Film auf Leinwand

Wenn man die Bilder von Sabine Aichhorn betrachtet, könnte auf der obersten Wahrnehmungsebene der Eindruck des Seriellen entstehen: Es gibt ein Reservoir an geometrischen Figuren, häufig Dreiecken, die den quadratisch organisierten Bildraum zerteilen und sich ineinanderschieben oder übereinanderschichten. Die Farbpalette changiert zwischen unterschiedlichen Blautönen, – Indigo, Kobalt und Türkis – Abstufungen von Rot bis hin zu Orange, schlierigen Braunnuancen und gelegentlichen Gelb-Akzenten. Einschlüsse von Weiß und Schwarz wirken als Kontrastfolie und erzeugen gestalterische Reibungshitze. So wird die Impression von Ähnlichkeit erzeugt, die jedoch bei genauerem Hinsehen fast bis ins Unendliche auszufaltende Möglichkeiten der variativen Diversifikation bietet. Same Same but different – häufig als Chiaroscuro der Farben und Formen inszeniert.

Kohärenz ergibt sich auch daraus, dass die Künstlerin immer an mehreren Werken gleichzeitig arbeitet und auf diese Weise die durch Trocknungsprozesse erzwungenen Pausen kompensieren kann. „Das kommt vom Film, mit dem ich früher gearbeitet habe.“ erläutert Sabine Aichhorn. „Denn eine Bewegung im Film entsteht auch aus mehreren Bildern. Bild an Bild an Bild. Und es geht nicht, dass ich eines nach dem anderen male. Sondern meist fünf oder mehr gleichzeitig.“

Man muss den Weg, der die Künstlerin zu ihrer Version des geometrischen Arbeitens geführt hat, kurz skizzieren, um die Entfaltungskraft, die ihrer Arbeit inhärent ist, identifizieren zu können: In einer früheren Schaffensphase, die in den Nullerjahren konzipiert und abgeschlossen wurde, baute sie die Skyline von Downtown LA als kulissenhafte Installation aus Filmstreifen nach (vgl. dazu auch den Essay „Sabine Aichhorn und das Expanded Cinema“ von Günther Holler-Schuster in dem Band: Sabine Aichhorn, Graz 2009) und faltete diese Versuchsanordnung als referentielles System in verschiedene Richtungen weiter aus, so dass schließlich die Werke „Los Angeles“,

„Ein_Super8 Filmteppich“, „Filmpalme“ und „Filmschmuck“ entstanden. Das Zelluloid diente in diesem Fall nicht als Trägersubstanz zur Inauguration der Illusionsmaschine / Traumfabrik in der Kinoerzählung, sondern buchstäblich als Material zur Bekleidung von maßstabgetreu  nachgebauten  Hochhaussilhouetten  aus  opakem  Plexiglas.  Dass

Bewegtbilderzählungen dabei als ästhetischer Subtext im Hintergrund mitschwingen, trägt zum Reiz der Sache bei. Im Umkehrschluss gibt es in der geometrischen Malerei von Sabine Aichhorn, die nach dem Abschluss des Los Angeles-Projekts, das dem Expanded Cinema zuzurechnen ist, als neue Produktionsphase initiiert wurde, eine kinematographische Dimension: Die abstrakten Körper wirken manchmal wie Theaterprospekte oder Filmkulissen, bei denen sich die Elemente auf bizarre Weise ineinander verkeilen und Fragmente von Narrativen zu enthalten scheinen. Auch die dämonische Leinwand des expressionistischen deutschen Stummfilms, die von Lotte Eisner wortgewaltig beschrieben wurde, spielt eine Rolle. Durch Chiaroscuro/ Clair obskur ergeben sich starke Hell-Dunkel-Kontraste, die eine Steigerung des räumlichen Gefühls und der gestalterischen Intensität bewirken. Das Gelb in Sabine Aichhrons Werk kann den Eindruck eines Portals erwecken, hinter dem sich ein unendlicher Raum in die Tiefe erstreckt. Andere Formationen sehen wie die Stilisierungen von Treppen und gotischen Bögen aus.

Anfänglich waren Architekturskizzen der Ausgangspunkt, die dann abstrahiert und malerisch umgesetzt wurden, der Ausgangspunkt der geometrischen Malerei. Dies sei heute aber überhaupt nicht mehr der Fall, betont die Künstlerin: „Das Malerkrepp hat den Zeichenstift ersetzt. Ich gehe zur Leinwand, fange an, Linien abzukleben und schaue, wie ich sie in interessante Flächen unterteilen kann. Am Anfang habe ich keine Ahnung, was daraus werden wird. Es gibt keine geplanten Motive. Die Motive entstehen während des Arbeitsprozesses.“

Thomas Mießgang